Ungarischer Neureicher
6.700 Ft
5.390 Ft
Formátum: 13,5 x 21,5 cm
Oldalszám: 350
ISBN: 978-3-99131-942-9
Megjelenés időpontja: 2023-05-25
Eine gruselige Mischung aus Science-Fiction und Realität über die ungarische und globale Gegenwart und mögliche Zukunft.
1989
Komitat Pest
Walter lauschte verblüfft. Er beobachtete die Ereignisse aus Sichtweise eines Hubschraubers. Er verstand nicht, ob das, was er sah und hörte, der unabänderliche Lauf der Zeit oder einfach eine Dimension war, die er jederzeit neu gestalten konnte. Wenn es das Jahr 1949 gewesen wäre, hätte er gewiss Albert Einstein danach gefragt, ob das Zeitparadoxon ein real existierendes Phänomen ist oder nicht. Er grübelte auch darüber, ob sich der Homo Sapiens angesichts der Beschleunigung der Welt so schnell weiterentwickeln wird, wie es in anderen Bereichen des Lebens geschieht, die durch die Technologie auf die nächste Stufe gehoben werden.
Ein Klacken riss ihn aus seinen tiefgründigen Gedanken. Das Geräusch einer herunterfallenden Schraube. Es war ein metallisches Geräusch, eine Art Klingeln. Der Klang der Mumifizierung der industriellen Entwicklung in Ungarn. Ein Klang, der alles enthielt. 32 Jahre Sozialismus. 32 Jahre des Rückstands. Die zentralisierte Verwaltung des gesamten Marktes. Eine Zeit, in der ein paar Leute Dinge entschieden, von denen sie keine Ahnung hatten. Wie zum Beispiel, warum es in einer Produktionsanlage vorkommen kann, dass ein Hilfsarbeiter (der spätere Operator im 21. Jahrhundert) während der Arbeit Werkzeug und Schrauben stapelt und von einem zum anderen Montagetisch packt, anstatt die beiden Tische zusammenzuschieben, wodurch die Gefahr, dass eine Schraube zu Boden fällt, minimiert werden würde. Es war ein lächerliches Beispiel, das spürte auch Walter, aber irgendwie, aus der Myriade von unverständlichen Entscheidungen und Weltanschauungen, kam alles in dieser kleinen Sache zusammen. In dem Herunterfallen einer Schraube. Oder eher in der sinnlosen Folge dieses Ereignisses.
Biatorbágy war damals – im Vergleich zu heute – nur ein staubiges, kleines Nest, eine Umgebung mit enormem Potenzial, das nur von wenigen erkannt wurde und wenn überhaupt, dann nur dank Szilveszter Matuska, der am 13. September 1931 einen Teil der Gleise des Viadukts in die Luft gesprengt und dabei 22 Menschen getötet hatte, was als „Attentat von Biatorbágy“ in die Geschichtsbücher einging. Ein Ort, an dem ein für einen Pfifferling wert erworbenes Feld in den nächsten zwanzig Jahren zu einer Millioneninvestition entlang der Landesstraße 1 und zu einem blühenden Geschäft werden würde.
Vielleicht kommt eine Investition mit einem solchen Zeitrahmen erst dem Kind oder Enkelkind des Mannes dort zugute, aber trotzdem! Walter hätte gern davon profitiert und wie. Denn er war Jahrgang 1986. Und im Jahre 1989 war er plötzlich 33. Er erlebte dieses Jahr doppelt. Einmal als Dreijähriger und einmal als Dreiunddreißigjähriger. Das war der Traum vieler. Er war zurück in die Zeit gereist. Er hatte es aber nicht getan, um Verletzungen aus der Kindheit zu heilen oder seinem jungen Ich auszureden, seine falschen Entscheidungen zu ändern. Er wollte weder sich selbst noch seine Eltern treffen. Er wollte weder Google gründen noch als Erster in Apple investieren und auch nicht mit Spekulationen über etwas, von dem er bereits wusste, dass es passierte, anfangen.
Er war aus einem anderen Grund hier: Er suchte Ungarns Antworten. Antworten auf die Frage, wie aus dem Saudi-Arabien der Anjou-Zeit das Ungarn geworden war, welches wir 2019 kennen. Dazu hätte man natürlich viel weiter in der Zeit zurückreisen müssen, aber gemäß dem Stand der Wissenschaft im Jahre 2019 war das noch nicht möglich: Jeder konnte nur so viele Jahre zurückreisen, wie er bereits lebte. Zeitreise ist eine komplizierte Angelegenheit und es gibt keinen Grund, überrascht zu sein, denn der Mensch hatte sich im Laufe seiner Evolution an Einschränkungen gewöhnt. Warum sich also genau darüber wundern?! Zeitreisen ja und zwar gemäß dem eigenen Alter. Es ist so simpel. Diese vollkommen absurde Realität beschäftigte Walter deshalb nicht. Er reiste einfach. So lang, wie er es für sinnvoll erhielt. 1989, um genau zu sein. Und warum nicht 1986? Ganz einfach: Dann hätte er 3 Jahre warten müssen, bis er im Jahre 1989 gelandet wäre. Es sollte aber 1989 sein und Biatorbágy, Punktum.
In der Spätfrühlingsbrise verliefen Walters erste Tage ruhig, er betrachtete das Viadukt von der Hügelkuppe aus und fragte sich, ob er eigentlich Glück hatte, Glück, zu wissen, wie dieser Ort in dreißig Jahren sähe. Dieser Ort mit seinem späteren Kreisverkehr unter dem Viadukt, dem Sportzentrum, den neuen Häusern, der Siedlung, das Aufblühen der Kolonie. Er beschloss, an den wichtigen Ereignissen des Landes als außenstehender Beobachter teilzunehmen, frei von jeglichen politischen oder religiösen Äußerungen. Er wollte sie erleben. Wie es wohl gewesen war. Als Massen von Menschen an ein gemeinsames Ziel glaubten, nur eben etwas unterschiedlich. Deshalb hatte er das Jahr 1989 gewählt. Wegen der Wende. Er wollte sehen, wie Ungarn den Sozialismus verlässt und sich der damals so hoffnungsvoll erwarteten Demokratie, dem Liberalismus und dem Kapitalismus zuwendet. Er liebte die Geschichte und hatte eine eigene Auffassung, aber er wollte versuchen, objektiv zu bleiben. Er kam mit einem namenlosen Ansässigen, der sein Fahrrad auf der staubigen Straße schob, ins Gespräch, das er höflich und distanziert begann.
„Einen schönen guten Tag, wie geht es Ihnen heute?“, fragte Walter.
„Wie soll es einem denn gehen? Ich bin müde, junger Mann, müde bin ich. Frühmorgens habe ich im Garten gearbeitet, dann bin ich in den Laden gegangen, habe Brot gekauft und nehme es jetzt mit nach Hause, meine Frau wartet auf mich. Sie sind nicht von hier, stimmt’s?“, antwortete ihm der Alte.
Walter schmunzelte und erwiderte dann manierlich:
„Das stimmt, ich komme aus der Zukunft.“
Der Alte musste jetzt auch schmunzeln und erwiderte:
„Wenn Sie wirklich aus der Zukunft kommen, könnten Sie mir dann sagen, wie das Wetter morgen wird?“
Walter war perplex, dass dies wirklich die einzige Frage war, die der alte Mann an einen Zeitreisenden hatte.
„Das weiß ich nicht, warum ist das so wichtig?“
„Es ist deshalb wichtig, denn wenn ich es wüsste, könnte ich entscheiden, ob ich heute das Dach repariere oder Unkraut jäte“, antwortete der Alte. Walter mochte diese Einfachheit, diese Losgelöstheit von den Problemen der Welt, dieses Lebensgefühl, demnach sein Gegenüber an keiner der Schwierigkeiten aus dem 21. Jahrhundert zu leiden schien. Es gibt keine Telekommunikationskanäle, über die er minütlich mit massenweise Propaganda zugeschüttet wird. Die Politik neigt schließlich dazu, nicht den Menschen zu dienen, sondern die Menschen in Angst zu versetzen. Natürlich nicht vor sich selbst, wie ein paar Jahrzehnte zuvor, sondern vor anderen. Sie suchen nach den Dingen, vor denen sich die Mehrheit fürchtet, dann kochen sie es mit Bösem und verstärken das Ganze, um die Angst noch größer zu machen und dann überzeugen sie die Menschen, dass sie, die Politiker, es sein werden, die sie durch einfache heroische Handlungen schützen werden. Das ist das ganze Rezept. Manipulierte Hassinduktion, deren Lösung wir selbst sind.
Dieser Alte schien jedoch mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Er lebte im Hier und Jetzt. Ohne Depressionen wegen Vergangenem und ohne Angst vor seiner Zukunft. Er lebte einfach seine eigene Geschichte, obwohl ihm der Zahn der Zeit schon einige Male reichlich zugesetzt zu haben schien. Er hatte sich arrangiert. Er hatte Dinge erreicht, von denen ein junger Kerl aus dem 21. Jahrhundert nur wenig weiß. Er empfand kein Bedauern, nie das Land verlassen zu haben. Der Garten seines Nachbarn löste in ihm kein Unbehagen aus, denn beide glichen einander und auch dem nächsten Garten und dem nächsten. Er verspürte weder ständige Leere noch einen sinnlosen materialistischen Drang, irgendwelchen Dingen hinterherzujagen und auch ein Smartphone besaß er nicht; das hätte ihn sowieso endgültig zu ewigem Trübsal verdammt. Er erfreute sich dem wenigen Guten, das ihm gegeben war und das er erreicht hatte; ihm gelang es, die wahren Momente des Lebens wahrzunehmen und morgens erhobenen Kopfes seinem Spiegelbild entgegenzutreten. Walter betrachtete ihn anerkennend, ihn beeindruckte der Anblick des Alten. Plötzlich vernahm er die Stimme seines Ichs aus dem 21. Jahrhundert: „Die Komfortzone ist nicht der Ort, an dem man gern ist, sondern der, an dem man die dortige Scheiße gut kennt.“ Er kämpfte mit sich. Sein Verstand mit seinem Herzen, sein bewusstes Ich mit dem unbewussten.
„Ich glaube, dass es auch morgen nicht regnen wird, aber wie sagt man so schön: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Er war stolz, eine so passende Redewendung gefunden zu haben. Gewiss würden sie einander verstehen, was sind schon ein paar Jahre mehr oder weniger.
„Oh, junger Mann, heute werde ich nichts davon tun. Meine Frau wartet zu Hause mit leckerer Kapustník auf mich und dann sind da noch die Tiere. Ich habe viel zu tun, mehr, als in einen Tag passt.“
Kapustník. So nennen die Slowaken ihre Krautpastete. Und da Sóskút die nächste Siedlung war, in der auch heute noch Nachfahren der einst dort angesiedelten Slowaken leben, stammte dieser Alte vermutlich aus Sóskút. Oder seine Frau. Schließlich ist sie es, die Kapustník macht. Die Frau aus Sóskút hatte einen Mann aus Biatorbágy geheiratet. Walter schmunzelte in sich hinein, erfreut darüber, zu diesem Schluss gekommen zu sein, obwohl das weiß Gott nichts Besonderes war. Die Bürger zweier benachbarter Gemeinden hatten geheiratet und lebten nun in Biatorbágy. Walter mochte Kapustník, er war sogar einmal auf einem Kapustník-Fest gewesen. Das war 2018, um genau zu sein.
„Junger Mann“, unterbrach ihn der neugewonnene Bekannte, „darf ich fragen, was Sie von Beruf sind? Körperliche Arbeit wird es ja nicht sein, dazu sind Ihre Hände zu federnverwöhnt.“
Federnverwöhnt. Was für ein Ausdruck! Walter hatte ihn nie zuvor gehört.
„Ja, das sehen Sie richtig, ich bin kein Mann der körperlichen Arbeit. Ich arbeite im Bankwesen, bin dort Portfolio-Manager und bereite die strategischen Beschlüsse der Division auf operativer Ebene vor“, log er.
Der Alte lauschte stillschweigend für fünf Sekunden; er versuchte zu begreifen, in welcher Sprache man ihm das gerade gesagt hatte, bevor er die Auskunft, passend zu seiner eh etwas steifen Persönlichkeit, mit den Worten quittierte:
„Junger Mann, ich habe keine Ahnung, ob man das isst oder trinkt, aber wenn es eine sichere Anstellung ist, noch dazu mit einem so wohlklingenden Namen, dann sollten Sie sie behalten, denn nur das zählt. Dass man in dieser schnelllebigen Welt eine feste Anstellung hat.“
Walter sprach absichtlich ein in der Zukunft so in Mode gekommenes „Hunglish“, wenn also englische Wörter von Mitarbeitern multinationaler Unternehmen verungarischt werden. Er tat das nicht aus Snobismus heraus, sondern aus dem Grund, dass der Alte ihn nicht verstehen und das Ganze als weit entfernt empfinden würde. Er wollte nicht in Verlegenheit gebracht werden, indem er einen Arbeitsplatz in der Nähe erwähnt, an dem ein Bekannter des Alten arbeitete, was wiederum zu einem weiteren Gesprächsthema geführt hätte. Menschen fühlen sich unwohl, wenn sie etwas selbst nicht verstehen, andere aber schon. Er wollte sich dem Alten gegenüber nicht überlegen zeigen, sondern einfach auf Nummer sicher gehen. Und nichts Falsches sagen.
Zwei Dinge im letzten, knappen Satz des Alten ließen ihn jedoch aufhorchen. „Sichere Anstellung“ und „schnelllebige Welt“. Letzteres, weil er wusste, dass sich die Welt in ein paar Jahren viel schneller drehen würde und der erste, weil genau das zu hören in diesem Jahr seltsam war. An der Schwelle zur Wende. Ob der Alte ahnte, dass sich in den folgenden zehn Jahren entscheiden würde, welche Familien reich und welche arm sein werden? Aber woher sollte er das ahnen? Wenn doch, selbst dann würde es ihn wohl nicht sonderlich interessieren. Er hatte seine weltverändernden Jahre schon hinter sich. Sein Zeitalter des Ehrgeizes, des Mutes und der Selbstverwirklichung. Vermutlich hatte er eine solche Phase gehabt. Nur wurde sie schnell abgewürgt. Ihm wurde gesagt, er solle aufhören zu träumen und lieber schneller die Kartoffeln aus der Erde lesen. Von der Träumerei kann man schließlich nicht leben, von Kartoffeln aber schon. Er würde also Kartoffeln einsammeln. Tag für Tag, so lang, wie man ihm das sagte. Später wird er es sein, der den Auftrag zur Kartoffellese erteilte. Seltsam, wie langsam die menschliche Evolution im 20. Jahrhundert vonstatten ging. Ohne intensiveres Nachdenken wurden Überzeugungen und Gewohnheiten übernommen und weitergegeben, ohne dass jemand die Frage gestellt hätte: „Warum machen wir das so?“ Wenn man sie doch gestellt hatte, wurde mit dem Fragesteller schnell ein Exempel statuiert, damit so etwas lieber nicht geschieht. Natürlich nur in den weniger kapitalistischen Ecken der Erde.
„Und was ist mit den Unternehmen?“, fragte Walter. „Was wäre, wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich ein Unternehmen gründen und besitzen werde, das mich im Alter ernähren wird?“ Kaum hatte er das gesagt, spürte er, dass es etwas zu früh gewesen war. Das Land ist noch nicht soweit. Den Alten interessierte diese Frage aber nicht besonders.
„Ich würde sagen, machen Sie ruhig ein Unternehmen. Oder, wie heißt das, gründen Sie eins.“ Thema beendet, das spürten sie beide und auch, dass es keinen weiteren gemeinsamen Nenner geben würde. Sie verabschiedeten sich höflich voneinander. Nach dem kurzen Gespräch sah Walter zu, wie der Mann mit seinem Fahrrad unter dem Viadukt verschwand, als ihm wieder nachdenklich zumute wurde. Wie muss man mit einem Mann aus der Vergangenheit sprechen? 2019 würde dieser Mann höchstwahrscheinlich tot sein. Oder aber unglaublich alt. Hätte er Nachforschungen angestellt, hätte er ihm vermutlich sogar das Datum seines Todes mitteilen können, was sein restliches Leben sicherlich ruiniert hätte.
Insgeheim hält sich jeder für unsterblich. Der Alte hätte ihm ja sowieso nicht geglaubt. Und das wäre auch richtig gewesen so. Halt. Nicht an so etwas denken, da wird man verrückt. Er ließ die Theorie Theorie sein und lief ebenfalls in Richtung Viadukt. Er wusste nicht wirklich, wohin er gehen sollte, die Welt – und vor allem Biatorbágy – hatte sich in den vergangenen 30 Jahren ziemlich zurückentwickelt. Also ging er an den Steinsäulen des Viadukts vorbei und scherzte mit sich selbst darüber, wie witzig es wäre, ein grinsendes Selfie von der Umgebung zu machen und es auf Facebook zu posten. Seine Freunde würden meinen, dass es sich um ein geschicktes Photoshop-Bild handeln würde. Sie würden ihm bestimmt gratulieren, wie gut er sich selbst in dieses alte Bild setzte. Und diejenigen seiner Freunde, die besonders aufmerksam waren, würden anmerken, wie schön und seiner Zeit voraus die Auflösung des alten Bildes ist. Er würde ihnen einfach aus 1989 entgegen lächeln. Natürlich würde er grinsen. Wie alle, denn das war eine Art ungeschriebene Regel in der Welt der sozialen Medien. Auf diesen Plattformen, auf denen die Menschen versuchen, ihre wenigen glücklichen – oder zumindest danach aussehenden – Momente größter zu machen, als sie eigentlich sind. Und dann schauen sie sich die glücklich scheinenden Momente ihrer Freunde an und das macht sie traurig. Ihnen fällt gar nicht ein, dass sie auch mit ihren eigenen Bildern Traurigkeit verursachen. Weil sie nicht das Ganze sehen. Sie denken gar nicht daran, wie überflüssig es ist, das Leben von Leuten anzusehen, die man seit tausend Jahren nicht sah. Es ist sinnlos. Wie einsam jemand ist, kann man leicht daran erkennen, wie viel Zeit er oder sie in den sozialen Medien verbringt. Umso mehr Zeit man sich dort herumtreibt, desto einsamer ist man.
Walter wusste und spürte, dass auch er nur ein Wanderer war, wie alle anderen auch. Das Streben nach materiellen Gütern, Geld, Macht, Titeln und Rang ist sinnlos, denn der Preis für diese weltlichen Anerkennungen ist gewiss Zeit und Aufmerksamkeit. Zeit und Aufmerksamkeit, die man anderen schenkt oder schenken könnte. Ein Dienst, bei dem man auf der Hut sein muss, denn die angeborene Suche „nach dem leichteren Weg“ ist unglaublich verführerisch. Und sie verführt durch ständige Wiederkehr, jeden Tag. Sie stellt einen auf die Probe. Auch Walter. Warum hatte er sich auf die Suche nach einem Tischlerbetrieb gemacht, wenn er sein eigenes Glück hätte schmieden können?
Als er am Dorfamt vorbeikam, sah er eine Metzgerei. Er schaute ins Fenster. Die Fleischtheke war makellos rein, die Ware war in Reih und Glied ausgelegt. Keine Spur von Mangelwirtschaft. Die Umgebung war ordentlich und sauber, mit einem kleinen Schild, das die täglichen Öffnungszeiten und die aktuellen Sonderangebote auflistete. Rippchen, Keule und Lende. Innovation pur. In einer Zeit, in der jeder gleich bettelarm ist, bietet der Metzger Lendchen im Sonderangebot an. Was für eine Rarität. Walter reichte das, er entschloss sich hineinzugehen.
„Schönen guten Tag, was darf es sein?“, hörte er eine von weitem bekannt klingende Stimme, die er irgendwo schon einmal gehört hatte, nur fiel ihm beim besten Willen nicht ein, wo und wann. Als der sich in seinen Dreißigern befindende, leicht stoppelige lächelnde Verkäufer sich hinter dem Tresen aufrichtete, erkannte Walter ihn schlagartig. Denn er kannte diesen Mann. Nicht persönlich, aber aus dem öffentlichen Leben im 21. Jahrhundert. Er sollte später Milliardär der ersten Generation werden. „Meine Güte!“, dachte er bei sich. Damit hatte er nicht gerechnet. Noch nicht. Es stimmt zwar, dass er genau deshalb hier war, um solche Leute zu treffen, aber er hatte nicht ahnen können, dass ihn der künftige Schlachthofbesitzer und Agraroligarch János Felvidéki am staubigen Straßenrand eines Dorfes, das man kaum als Ballungsraum bezeichnen kann, anlächeln und zum Kauf von Schweinekeulen ermutigen würde.
„Ähm, ja, g‑g‑guten Tag“, versuchte er seine Gedanken aus dem 21. Jahrhundert zu ordnen. „Ich möchte fragen, ob Sie auch Kaffee verkaufen?“
Etwas Besseres war ihm nicht eingefallen. Kaffeekauf beim Metzger aus Biatorbágy.
Super, eine tolle Idee …
„Kaffee haben wir nicht, aber wenn Sie mögen, ich habe heute früh frischen gekocht, davon kann ich Ihnen eine Tasse anbieten“, erklang die freundliche Antwort.
Der Typ war total professionell. Kein Wunder, dass er es weit bringen würde. Neunundneunzig Prozent der Metzger hätten ihn mit seinem Wunsch nach Kaffee bestimmt aus dem Geschäft gejagt, nicht aber dieser. Er sah (auch) in ihm eine Chance. Er wusste, dass die Kunden ihn am Leben hielten und dass es sich lohnt, wenn man sich mit ihnen vorurteilslos gut stellt. Man konnte ja nie wissen. Dieser junge Mann kaufte zwar im Moment nichts, aber er würde vielleicht einem Freund davon erzählen, der jedoch einen benachbarten Schweinezüchter einweiht, der ein paar zusätzliche Schweine zu einem günstigen Preis loswerden möchte. Wer weiß? Es könnte auch sein, dass dieser Mann der Sohn des Bürgermeisters der Nachbarstadt ist, oder er kennt einige Gastronomen, die einen Fleischlieferanten suchen, oder wer weiß, wer dieser junge Mann ist. Hauptsache ist, dass er ein Kunde ist, der hereingekommen ist und etwas kaufen wollte. Es ist schließlich nicht sein Fehler, dass es die gewünschte Ware nicht gibt, sondern die des Geschäftsführers. In diesem Fall seine, János Felvidékis Schuld. Und das war das Rezept für garantierten Erfolg. Er war kein Mann der Gewohnheiten, er suchte nach neuen Dingen, hörte auf die Bedürfnisse seiner Kunden und versuchte, sein Geschäft entsprechend anzupassen. Er wollte dienen. Seinen Kunden dienen. Viele sind der Auffassung, dass das Individuum einen Auftrag hat, nämlich der Gesellschaft zu dienen. Das ist die höchste Aufgabe. Dem Alltag der Gemeinschaft mit rohem Fleisch dienen. Ein kleines Glied in der Maschinerie zu sein, in der es die souveräne Pflicht eines jeden ist, durch seinen patriotischen Dienst dafür zu sorgen, dass alle Rädchen reibungslos ineinander greifen können.
„Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich möchte keinen Aufwand verursachen. Wenn Sie keinen Kaffee verkaufen, kann ich das nicht annehmen“, erwiderte Walter.
„Sie können das nicht annehmen? Warum denn nicht, um Gottes Willen? Hier, bitteschön, einen Schwarzen für den jungen Mann“, und goss er ihm mit schnellen Bewegungen auf eine beinah verstörend schleimige Art einen Kaffee ein. „Milch habe ich nicht, denn ich trinke meinen immer schwarz, aber ich kann Ihnen Zucker anbieten.“
„Danke, ein wenig Zucker bitte.“ Walter nahm die Tasse an.
Sie unterhielten sich höflich. Walter schlürfte betont die Flüssigkeit aus der dunkelgrünen Tasse; er wollte nicht wirklich darüber nachdenken, was der Metzger daraus trinkt oder was er sonst in der Tasse aufbewahrt, wenn er gerade nicht nach Kaffee lechzende Kunden abwickelte.
Komitat Pest
Walter lauschte verblüfft. Er beobachtete die Ereignisse aus Sichtweise eines Hubschraubers. Er verstand nicht, ob das, was er sah und hörte, der unabänderliche Lauf der Zeit oder einfach eine Dimension war, die er jederzeit neu gestalten konnte. Wenn es das Jahr 1949 gewesen wäre, hätte er gewiss Albert Einstein danach gefragt, ob das Zeitparadoxon ein real existierendes Phänomen ist oder nicht. Er grübelte auch darüber, ob sich der Homo Sapiens angesichts der Beschleunigung der Welt so schnell weiterentwickeln wird, wie es in anderen Bereichen des Lebens geschieht, die durch die Technologie auf die nächste Stufe gehoben werden.
Ein Klacken riss ihn aus seinen tiefgründigen Gedanken. Das Geräusch einer herunterfallenden Schraube. Es war ein metallisches Geräusch, eine Art Klingeln. Der Klang der Mumifizierung der industriellen Entwicklung in Ungarn. Ein Klang, der alles enthielt. 32 Jahre Sozialismus. 32 Jahre des Rückstands. Die zentralisierte Verwaltung des gesamten Marktes. Eine Zeit, in der ein paar Leute Dinge entschieden, von denen sie keine Ahnung hatten. Wie zum Beispiel, warum es in einer Produktionsanlage vorkommen kann, dass ein Hilfsarbeiter (der spätere Operator im 21. Jahrhundert) während der Arbeit Werkzeug und Schrauben stapelt und von einem zum anderen Montagetisch packt, anstatt die beiden Tische zusammenzuschieben, wodurch die Gefahr, dass eine Schraube zu Boden fällt, minimiert werden würde. Es war ein lächerliches Beispiel, das spürte auch Walter, aber irgendwie, aus der Myriade von unverständlichen Entscheidungen und Weltanschauungen, kam alles in dieser kleinen Sache zusammen. In dem Herunterfallen einer Schraube. Oder eher in der sinnlosen Folge dieses Ereignisses.
Biatorbágy war damals – im Vergleich zu heute – nur ein staubiges, kleines Nest, eine Umgebung mit enormem Potenzial, das nur von wenigen erkannt wurde und wenn überhaupt, dann nur dank Szilveszter Matuska, der am 13. September 1931 einen Teil der Gleise des Viadukts in die Luft gesprengt und dabei 22 Menschen getötet hatte, was als „Attentat von Biatorbágy“ in die Geschichtsbücher einging. Ein Ort, an dem ein für einen Pfifferling wert erworbenes Feld in den nächsten zwanzig Jahren zu einer Millioneninvestition entlang der Landesstraße 1 und zu einem blühenden Geschäft werden würde.
Vielleicht kommt eine Investition mit einem solchen Zeitrahmen erst dem Kind oder Enkelkind des Mannes dort zugute, aber trotzdem! Walter hätte gern davon profitiert und wie. Denn er war Jahrgang 1986. Und im Jahre 1989 war er plötzlich 33. Er erlebte dieses Jahr doppelt. Einmal als Dreijähriger und einmal als Dreiunddreißigjähriger. Das war der Traum vieler. Er war zurück in die Zeit gereist. Er hatte es aber nicht getan, um Verletzungen aus der Kindheit zu heilen oder seinem jungen Ich auszureden, seine falschen Entscheidungen zu ändern. Er wollte weder sich selbst noch seine Eltern treffen. Er wollte weder Google gründen noch als Erster in Apple investieren und auch nicht mit Spekulationen über etwas, von dem er bereits wusste, dass es passierte, anfangen.
Er war aus einem anderen Grund hier: Er suchte Ungarns Antworten. Antworten auf die Frage, wie aus dem Saudi-Arabien der Anjou-Zeit das Ungarn geworden war, welches wir 2019 kennen. Dazu hätte man natürlich viel weiter in der Zeit zurückreisen müssen, aber gemäß dem Stand der Wissenschaft im Jahre 2019 war das noch nicht möglich: Jeder konnte nur so viele Jahre zurückreisen, wie er bereits lebte. Zeitreise ist eine komplizierte Angelegenheit und es gibt keinen Grund, überrascht zu sein, denn der Mensch hatte sich im Laufe seiner Evolution an Einschränkungen gewöhnt. Warum sich also genau darüber wundern?! Zeitreisen ja und zwar gemäß dem eigenen Alter. Es ist so simpel. Diese vollkommen absurde Realität beschäftigte Walter deshalb nicht. Er reiste einfach. So lang, wie er es für sinnvoll erhielt. 1989, um genau zu sein. Und warum nicht 1986? Ganz einfach: Dann hätte er 3 Jahre warten müssen, bis er im Jahre 1989 gelandet wäre. Es sollte aber 1989 sein und Biatorbágy, Punktum.
In der Spätfrühlingsbrise verliefen Walters erste Tage ruhig, er betrachtete das Viadukt von der Hügelkuppe aus und fragte sich, ob er eigentlich Glück hatte, Glück, zu wissen, wie dieser Ort in dreißig Jahren sähe. Dieser Ort mit seinem späteren Kreisverkehr unter dem Viadukt, dem Sportzentrum, den neuen Häusern, der Siedlung, das Aufblühen der Kolonie. Er beschloss, an den wichtigen Ereignissen des Landes als außenstehender Beobachter teilzunehmen, frei von jeglichen politischen oder religiösen Äußerungen. Er wollte sie erleben. Wie es wohl gewesen war. Als Massen von Menschen an ein gemeinsames Ziel glaubten, nur eben etwas unterschiedlich. Deshalb hatte er das Jahr 1989 gewählt. Wegen der Wende. Er wollte sehen, wie Ungarn den Sozialismus verlässt und sich der damals so hoffnungsvoll erwarteten Demokratie, dem Liberalismus und dem Kapitalismus zuwendet. Er liebte die Geschichte und hatte eine eigene Auffassung, aber er wollte versuchen, objektiv zu bleiben. Er kam mit einem namenlosen Ansässigen, der sein Fahrrad auf der staubigen Straße schob, ins Gespräch, das er höflich und distanziert begann.
„Einen schönen guten Tag, wie geht es Ihnen heute?“, fragte Walter.
„Wie soll es einem denn gehen? Ich bin müde, junger Mann, müde bin ich. Frühmorgens habe ich im Garten gearbeitet, dann bin ich in den Laden gegangen, habe Brot gekauft und nehme es jetzt mit nach Hause, meine Frau wartet auf mich. Sie sind nicht von hier, stimmt’s?“, antwortete ihm der Alte.
Walter schmunzelte und erwiderte dann manierlich:
„Das stimmt, ich komme aus der Zukunft.“
Der Alte musste jetzt auch schmunzeln und erwiderte:
„Wenn Sie wirklich aus der Zukunft kommen, könnten Sie mir dann sagen, wie das Wetter morgen wird?“
Walter war perplex, dass dies wirklich die einzige Frage war, die der alte Mann an einen Zeitreisenden hatte.
„Das weiß ich nicht, warum ist das so wichtig?“
„Es ist deshalb wichtig, denn wenn ich es wüsste, könnte ich entscheiden, ob ich heute das Dach repariere oder Unkraut jäte“, antwortete der Alte. Walter mochte diese Einfachheit, diese Losgelöstheit von den Problemen der Welt, dieses Lebensgefühl, demnach sein Gegenüber an keiner der Schwierigkeiten aus dem 21. Jahrhundert zu leiden schien. Es gibt keine Telekommunikationskanäle, über die er minütlich mit massenweise Propaganda zugeschüttet wird. Die Politik neigt schließlich dazu, nicht den Menschen zu dienen, sondern die Menschen in Angst zu versetzen. Natürlich nicht vor sich selbst, wie ein paar Jahrzehnte zuvor, sondern vor anderen. Sie suchen nach den Dingen, vor denen sich die Mehrheit fürchtet, dann kochen sie es mit Bösem und verstärken das Ganze, um die Angst noch größer zu machen und dann überzeugen sie die Menschen, dass sie, die Politiker, es sein werden, die sie durch einfache heroische Handlungen schützen werden. Das ist das ganze Rezept. Manipulierte Hassinduktion, deren Lösung wir selbst sind.
Dieser Alte schien jedoch mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Er lebte im Hier und Jetzt. Ohne Depressionen wegen Vergangenem und ohne Angst vor seiner Zukunft. Er lebte einfach seine eigene Geschichte, obwohl ihm der Zahn der Zeit schon einige Male reichlich zugesetzt zu haben schien. Er hatte sich arrangiert. Er hatte Dinge erreicht, von denen ein junger Kerl aus dem 21. Jahrhundert nur wenig weiß. Er empfand kein Bedauern, nie das Land verlassen zu haben. Der Garten seines Nachbarn löste in ihm kein Unbehagen aus, denn beide glichen einander und auch dem nächsten Garten und dem nächsten. Er verspürte weder ständige Leere noch einen sinnlosen materialistischen Drang, irgendwelchen Dingen hinterherzujagen und auch ein Smartphone besaß er nicht; das hätte ihn sowieso endgültig zu ewigem Trübsal verdammt. Er erfreute sich dem wenigen Guten, das ihm gegeben war und das er erreicht hatte; ihm gelang es, die wahren Momente des Lebens wahrzunehmen und morgens erhobenen Kopfes seinem Spiegelbild entgegenzutreten. Walter betrachtete ihn anerkennend, ihn beeindruckte der Anblick des Alten. Plötzlich vernahm er die Stimme seines Ichs aus dem 21. Jahrhundert: „Die Komfortzone ist nicht der Ort, an dem man gern ist, sondern der, an dem man die dortige Scheiße gut kennt.“ Er kämpfte mit sich. Sein Verstand mit seinem Herzen, sein bewusstes Ich mit dem unbewussten.
„Ich glaube, dass es auch morgen nicht regnen wird, aber wie sagt man so schön: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Er war stolz, eine so passende Redewendung gefunden zu haben. Gewiss würden sie einander verstehen, was sind schon ein paar Jahre mehr oder weniger.
„Oh, junger Mann, heute werde ich nichts davon tun. Meine Frau wartet zu Hause mit leckerer Kapustník auf mich und dann sind da noch die Tiere. Ich habe viel zu tun, mehr, als in einen Tag passt.“
Kapustník. So nennen die Slowaken ihre Krautpastete. Und da Sóskút die nächste Siedlung war, in der auch heute noch Nachfahren der einst dort angesiedelten Slowaken leben, stammte dieser Alte vermutlich aus Sóskút. Oder seine Frau. Schließlich ist sie es, die Kapustník macht. Die Frau aus Sóskút hatte einen Mann aus Biatorbágy geheiratet. Walter schmunzelte in sich hinein, erfreut darüber, zu diesem Schluss gekommen zu sein, obwohl das weiß Gott nichts Besonderes war. Die Bürger zweier benachbarter Gemeinden hatten geheiratet und lebten nun in Biatorbágy. Walter mochte Kapustník, er war sogar einmal auf einem Kapustník-Fest gewesen. Das war 2018, um genau zu sein.
„Junger Mann“, unterbrach ihn der neugewonnene Bekannte, „darf ich fragen, was Sie von Beruf sind? Körperliche Arbeit wird es ja nicht sein, dazu sind Ihre Hände zu federnverwöhnt.“
Federnverwöhnt. Was für ein Ausdruck! Walter hatte ihn nie zuvor gehört.
„Ja, das sehen Sie richtig, ich bin kein Mann der körperlichen Arbeit. Ich arbeite im Bankwesen, bin dort Portfolio-Manager und bereite die strategischen Beschlüsse der Division auf operativer Ebene vor“, log er.
Der Alte lauschte stillschweigend für fünf Sekunden; er versuchte zu begreifen, in welcher Sprache man ihm das gerade gesagt hatte, bevor er die Auskunft, passend zu seiner eh etwas steifen Persönlichkeit, mit den Worten quittierte:
„Junger Mann, ich habe keine Ahnung, ob man das isst oder trinkt, aber wenn es eine sichere Anstellung ist, noch dazu mit einem so wohlklingenden Namen, dann sollten Sie sie behalten, denn nur das zählt. Dass man in dieser schnelllebigen Welt eine feste Anstellung hat.“
Walter sprach absichtlich ein in der Zukunft so in Mode gekommenes „Hunglish“, wenn also englische Wörter von Mitarbeitern multinationaler Unternehmen verungarischt werden. Er tat das nicht aus Snobismus heraus, sondern aus dem Grund, dass der Alte ihn nicht verstehen und das Ganze als weit entfernt empfinden würde. Er wollte nicht in Verlegenheit gebracht werden, indem er einen Arbeitsplatz in der Nähe erwähnt, an dem ein Bekannter des Alten arbeitete, was wiederum zu einem weiteren Gesprächsthema geführt hätte. Menschen fühlen sich unwohl, wenn sie etwas selbst nicht verstehen, andere aber schon. Er wollte sich dem Alten gegenüber nicht überlegen zeigen, sondern einfach auf Nummer sicher gehen. Und nichts Falsches sagen.
Zwei Dinge im letzten, knappen Satz des Alten ließen ihn jedoch aufhorchen. „Sichere Anstellung“ und „schnelllebige Welt“. Letzteres, weil er wusste, dass sich die Welt in ein paar Jahren viel schneller drehen würde und der erste, weil genau das zu hören in diesem Jahr seltsam war. An der Schwelle zur Wende. Ob der Alte ahnte, dass sich in den folgenden zehn Jahren entscheiden würde, welche Familien reich und welche arm sein werden? Aber woher sollte er das ahnen? Wenn doch, selbst dann würde es ihn wohl nicht sonderlich interessieren. Er hatte seine weltverändernden Jahre schon hinter sich. Sein Zeitalter des Ehrgeizes, des Mutes und der Selbstverwirklichung. Vermutlich hatte er eine solche Phase gehabt. Nur wurde sie schnell abgewürgt. Ihm wurde gesagt, er solle aufhören zu träumen und lieber schneller die Kartoffeln aus der Erde lesen. Von der Träumerei kann man schließlich nicht leben, von Kartoffeln aber schon. Er würde also Kartoffeln einsammeln. Tag für Tag, so lang, wie man ihm das sagte. Später wird er es sein, der den Auftrag zur Kartoffellese erteilte. Seltsam, wie langsam die menschliche Evolution im 20. Jahrhundert vonstatten ging. Ohne intensiveres Nachdenken wurden Überzeugungen und Gewohnheiten übernommen und weitergegeben, ohne dass jemand die Frage gestellt hätte: „Warum machen wir das so?“ Wenn man sie doch gestellt hatte, wurde mit dem Fragesteller schnell ein Exempel statuiert, damit so etwas lieber nicht geschieht. Natürlich nur in den weniger kapitalistischen Ecken der Erde.
„Und was ist mit den Unternehmen?“, fragte Walter. „Was wäre, wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich ein Unternehmen gründen und besitzen werde, das mich im Alter ernähren wird?“ Kaum hatte er das gesagt, spürte er, dass es etwas zu früh gewesen war. Das Land ist noch nicht soweit. Den Alten interessierte diese Frage aber nicht besonders.
„Ich würde sagen, machen Sie ruhig ein Unternehmen. Oder, wie heißt das, gründen Sie eins.“ Thema beendet, das spürten sie beide und auch, dass es keinen weiteren gemeinsamen Nenner geben würde. Sie verabschiedeten sich höflich voneinander. Nach dem kurzen Gespräch sah Walter zu, wie der Mann mit seinem Fahrrad unter dem Viadukt verschwand, als ihm wieder nachdenklich zumute wurde. Wie muss man mit einem Mann aus der Vergangenheit sprechen? 2019 würde dieser Mann höchstwahrscheinlich tot sein. Oder aber unglaublich alt. Hätte er Nachforschungen angestellt, hätte er ihm vermutlich sogar das Datum seines Todes mitteilen können, was sein restliches Leben sicherlich ruiniert hätte.
Insgeheim hält sich jeder für unsterblich. Der Alte hätte ihm ja sowieso nicht geglaubt. Und das wäre auch richtig gewesen so. Halt. Nicht an so etwas denken, da wird man verrückt. Er ließ die Theorie Theorie sein und lief ebenfalls in Richtung Viadukt. Er wusste nicht wirklich, wohin er gehen sollte, die Welt – und vor allem Biatorbágy – hatte sich in den vergangenen 30 Jahren ziemlich zurückentwickelt. Also ging er an den Steinsäulen des Viadukts vorbei und scherzte mit sich selbst darüber, wie witzig es wäre, ein grinsendes Selfie von der Umgebung zu machen und es auf Facebook zu posten. Seine Freunde würden meinen, dass es sich um ein geschicktes Photoshop-Bild handeln würde. Sie würden ihm bestimmt gratulieren, wie gut er sich selbst in dieses alte Bild setzte. Und diejenigen seiner Freunde, die besonders aufmerksam waren, würden anmerken, wie schön und seiner Zeit voraus die Auflösung des alten Bildes ist. Er würde ihnen einfach aus 1989 entgegen lächeln. Natürlich würde er grinsen. Wie alle, denn das war eine Art ungeschriebene Regel in der Welt der sozialen Medien. Auf diesen Plattformen, auf denen die Menschen versuchen, ihre wenigen glücklichen – oder zumindest danach aussehenden – Momente größter zu machen, als sie eigentlich sind. Und dann schauen sie sich die glücklich scheinenden Momente ihrer Freunde an und das macht sie traurig. Ihnen fällt gar nicht ein, dass sie auch mit ihren eigenen Bildern Traurigkeit verursachen. Weil sie nicht das Ganze sehen. Sie denken gar nicht daran, wie überflüssig es ist, das Leben von Leuten anzusehen, die man seit tausend Jahren nicht sah. Es ist sinnlos. Wie einsam jemand ist, kann man leicht daran erkennen, wie viel Zeit er oder sie in den sozialen Medien verbringt. Umso mehr Zeit man sich dort herumtreibt, desto einsamer ist man.
Walter wusste und spürte, dass auch er nur ein Wanderer war, wie alle anderen auch. Das Streben nach materiellen Gütern, Geld, Macht, Titeln und Rang ist sinnlos, denn der Preis für diese weltlichen Anerkennungen ist gewiss Zeit und Aufmerksamkeit. Zeit und Aufmerksamkeit, die man anderen schenkt oder schenken könnte. Ein Dienst, bei dem man auf der Hut sein muss, denn die angeborene Suche „nach dem leichteren Weg“ ist unglaublich verführerisch. Und sie verführt durch ständige Wiederkehr, jeden Tag. Sie stellt einen auf die Probe. Auch Walter. Warum hatte er sich auf die Suche nach einem Tischlerbetrieb gemacht, wenn er sein eigenes Glück hätte schmieden können?
Als er am Dorfamt vorbeikam, sah er eine Metzgerei. Er schaute ins Fenster. Die Fleischtheke war makellos rein, die Ware war in Reih und Glied ausgelegt. Keine Spur von Mangelwirtschaft. Die Umgebung war ordentlich und sauber, mit einem kleinen Schild, das die täglichen Öffnungszeiten und die aktuellen Sonderangebote auflistete. Rippchen, Keule und Lende. Innovation pur. In einer Zeit, in der jeder gleich bettelarm ist, bietet der Metzger Lendchen im Sonderangebot an. Was für eine Rarität. Walter reichte das, er entschloss sich hineinzugehen.
„Schönen guten Tag, was darf es sein?“, hörte er eine von weitem bekannt klingende Stimme, die er irgendwo schon einmal gehört hatte, nur fiel ihm beim besten Willen nicht ein, wo und wann. Als der sich in seinen Dreißigern befindende, leicht stoppelige lächelnde Verkäufer sich hinter dem Tresen aufrichtete, erkannte Walter ihn schlagartig. Denn er kannte diesen Mann. Nicht persönlich, aber aus dem öffentlichen Leben im 21. Jahrhundert. Er sollte später Milliardär der ersten Generation werden. „Meine Güte!“, dachte er bei sich. Damit hatte er nicht gerechnet. Noch nicht. Es stimmt zwar, dass er genau deshalb hier war, um solche Leute zu treffen, aber er hatte nicht ahnen können, dass ihn der künftige Schlachthofbesitzer und Agraroligarch János Felvidéki am staubigen Straßenrand eines Dorfes, das man kaum als Ballungsraum bezeichnen kann, anlächeln und zum Kauf von Schweinekeulen ermutigen würde.
„Ähm, ja, g‑g‑guten Tag“, versuchte er seine Gedanken aus dem 21. Jahrhundert zu ordnen. „Ich möchte fragen, ob Sie auch Kaffee verkaufen?“
Etwas Besseres war ihm nicht eingefallen. Kaffeekauf beim Metzger aus Biatorbágy.
Super, eine tolle Idee …
„Kaffee haben wir nicht, aber wenn Sie mögen, ich habe heute früh frischen gekocht, davon kann ich Ihnen eine Tasse anbieten“, erklang die freundliche Antwort.
Der Typ war total professionell. Kein Wunder, dass er es weit bringen würde. Neunundneunzig Prozent der Metzger hätten ihn mit seinem Wunsch nach Kaffee bestimmt aus dem Geschäft gejagt, nicht aber dieser. Er sah (auch) in ihm eine Chance. Er wusste, dass die Kunden ihn am Leben hielten und dass es sich lohnt, wenn man sich mit ihnen vorurteilslos gut stellt. Man konnte ja nie wissen. Dieser junge Mann kaufte zwar im Moment nichts, aber er würde vielleicht einem Freund davon erzählen, der jedoch einen benachbarten Schweinezüchter einweiht, der ein paar zusätzliche Schweine zu einem günstigen Preis loswerden möchte. Wer weiß? Es könnte auch sein, dass dieser Mann der Sohn des Bürgermeisters der Nachbarstadt ist, oder er kennt einige Gastronomen, die einen Fleischlieferanten suchen, oder wer weiß, wer dieser junge Mann ist. Hauptsache ist, dass er ein Kunde ist, der hereingekommen ist und etwas kaufen wollte. Es ist schließlich nicht sein Fehler, dass es die gewünschte Ware nicht gibt, sondern die des Geschäftsführers. In diesem Fall seine, János Felvidékis Schuld. Und das war das Rezept für garantierten Erfolg. Er war kein Mann der Gewohnheiten, er suchte nach neuen Dingen, hörte auf die Bedürfnisse seiner Kunden und versuchte, sein Geschäft entsprechend anzupassen. Er wollte dienen. Seinen Kunden dienen. Viele sind der Auffassung, dass das Individuum einen Auftrag hat, nämlich der Gesellschaft zu dienen. Das ist die höchste Aufgabe. Dem Alltag der Gemeinschaft mit rohem Fleisch dienen. Ein kleines Glied in der Maschinerie zu sein, in der es die souveräne Pflicht eines jeden ist, durch seinen patriotischen Dienst dafür zu sorgen, dass alle Rädchen reibungslos ineinander greifen können.
„Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich möchte keinen Aufwand verursachen. Wenn Sie keinen Kaffee verkaufen, kann ich das nicht annehmen“, erwiderte Walter.
„Sie können das nicht annehmen? Warum denn nicht, um Gottes Willen? Hier, bitteschön, einen Schwarzen für den jungen Mann“, und goss er ihm mit schnellen Bewegungen auf eine beinah verstörend schleimige Art einen Kaffee ein. „Milch habe ich nicht, denn ich trinke meinen immer schwarz, aber ich kann Ihnen Zucker anbieten.“
„Danke, ein wenig Zucker bitte.“ Walter nahm die Tasse an.
Sie unterhielten sich höflich. Walter schlürfte betont die Flüssigkeit aus der dunkelgrünen Tasse; er wollte nicht wirklich darüber nachdenken, was der Metzger daraus trinkt oder was er sonst in der Tasse aufbewahrt, wenn er gerade nicht nach Kaffee lechzende Kunden abwickelte.


